„Lasst das!“? – Ein Kommentar zu journalistischen Vegetarismus-Empfehlungen als Öko-Bauer

In der neuesten Zeit hat Iris Radisch einen Artikel zum Fleischkonsum geschrieben: „Lasst das!“. Es ist anscheinend gerade in, aus Klimagründen und aus moralischen Gründen gegen den Konsum von Fleisch etwas zu schreiben. Nach dem Stern, der SZ, der FR, der taz und der FAZ nun auch die Zeit. Angesichts der Massentierhaltung eigentlich auch kein Wunder.Als Öko-Bauer mit Schweinen und Rindvieh sehe ich es trotzdem anders. Zum einen nervt mich schon der journalistische Hype, der epidemiemäßig ein bestimmtes Thema hochjault, um es dann aber auch ganz schnell wieder fallenzulassen. Dann ist es auch fachlich nicht ganz so einfach: Tierhaltung kann die Basis für ökologisch sinnvolle landwirtschaftliche Kreisläufe sein und die Bodenfruchtbarkeit deutlich verbessern. Und bei Kühen, die Weidegang haben und bei Schweinen, die auf Stroh gehalten werden und Ausläufe kennen, habe ich auch keine bedenken, deren Fleisch zu essen.
Landwirtschaft hat über Jahrhunderte so funktioniert, ehe die Industrialisierung (die von der Stadt aufs Land kam) die Landwirtschaft in wenigen Jahrzehnten zur Agroindustrie verändert hat. Und genau diesen Prozess gilt es wieder umzukehren, zurück zu einer Landwirtschaft, die mit Boden und Tieren wirtschaftet anstatt sie auszubeuten …

1 Kommentar

  1. Matthias Wehner

    Es ist natürlich ein leichtes, sich anhand der beiden Extreme, die dort aufeinander treffen, die profitgierige, Umwelt schändende Massentierhaltung auf der einen, die Moralapostel und Spaßverderber auf der anderen, sich in der ausgewogenen Mitte zu präsentieren. Wo das doch vor allem Tradition hat hier. Nur nicht extrem sein. Das hat uns die Geschichte gelehrt. (Kurioserweise nicht das Gegen-den-Strom-Schwimmen und Vorsicht vor Mitläufertum). Es fällt logischerweise schwer, hier klar zu sehen. Wir nehmen uns und unsere Mitmenschen immer im Kontext wahr. Wer nicht ist wie die Masse, ist nicht normal. Das die Norm etwas extremes sein kann, kann erst im Lauf der Geschichte gesehen werden. Im Nachkriegsdeutschland hat die Frankfurter Schule um T.Adorno unter dem Motto „Damit Auschwitz nicht mehr werde“ detailliert Fragen zum „autoritären Charakter“ erforscht. Adorno kam zu dem Schluss „Auschwitz beginnt da, wo einer im Schlachthof steht und denkt, es sind ja nur Tiere“. Biologische, „artgerechte“ Haltung scheint im Angesicht des Horrors der Massentierhaltung erstmal eine gute Idee. Um klar zu sehen, müssen wir manchmal ein Gedankenexperiment unternehmen und Wesen einsetzen, die uns etwas bedeuten. Hätte die Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei wohl etwas von artgerechter Haltung gehalten? Würden Sie den Verzehr von Hunden in China weniger verurteilen, wenn man nur solche schlachten würde, die ein gutes Leben gehabt haben?

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