Die agroindustrielle Schweinehaltung ist aus dem Ruder gelaufen

– Ein Kommentar zur ARD-Sendung „Deutschlands Ferkelfabriken“-

Sau_und_Ferkel_by_wolfish_pixelioEinmal mehr greift eine Fernsehsendung die Zustände in der sogenannten Ferkelproduktion auf und schildert, wie dort mit den Tieren umgegangen wird. In der Sendung „Deutschlands Ferkelfabriken“ war zu sehen, wie Mitarbeiter zu kleine, schwache Ferkel gegen eine Wand schlagen, um sie so zu töten. Einmal mehr im Mittelpunkt der Berichterstattung war die Sauenhaltung des Niederländers Adrian Straathof, der in Ostdeutschland mittlerweile über einen gigantischen Schweinebestand verfügt. Aber auch klassische, auf die Ferkelproduktion spezialisierte Familienbetriebe wurden gezeigt, die genauso mit den kleinen Ferkeln umgingen.

Klar, dass da die Dementis der Branche nicht lange auf sich warten lassen. „Einzelfälle“ seien das und auf keinen Fall „beispielgebend“ für die gesamte Branche, so zum Beispiel die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN). Der Rheinische Landwirtschaftsverband (RLV) stellt fest, dass tote Ferkel keinen Gewinn brächten und Bäuerinnen und Bauern Nottötungen nur selten praktizierten und wenn, dann auch gesetzeskonform.

Da fragt man sich jedoch, wie es dann den Filmemacherinnen und Filmemachern gelingen konnte, eine solche Vielzahl an Beispielen zu zeigen? Und auch das Interview mit einem Schweinehalter spricht Bände und lässt vermuten, dass es eben doch auf vielen Betrieben gängige Praxis ist. Die gezeigte, nicht tierschutzgerechte Ferkeltötung im „Vorbeigehen“ ist das Ergebnis einer auf Gewinn und extremster Rationalisierung getrimmten Fleischproduktion, an deren Anfang die Ferkelerzeugerin und der Ferkelerzeuger stehen. In dieser Logik ist es folgerichtig, zu schwache Ferkel zu töten, weil überhaupt nicht genügend Arbeitskapazität vorhanden ist, um sich um die Tiere zu kümmern. Außerdem bleiben diese Tiere in der Regel ihr Leben lang schwächer und werden von den Mästern nur ungern abgenommen.

Dass das Problem überaus real ist, zeigt im Übrigen auch, dass sich das niedersächsische Landwirtschaftsministerium genötigt sah, einen klärenden Erlass (übernommen durch NRW) herauszugeben, in dem festgelegt wird, wann überhaupt ein Ferkel getötet werden darf und wie dies dann zu geschehen hat. Ein solcher Erlass wird sicherlich nur dann herausgegeben, wenn solche Missstände bekannt werden und eben nicht nur seltene Einzelfälle sind.

Einmal mehr zeigt sich, dass der Umbau der bäuerlichen Schweinehaltung hin zum agroindustriellen Business unter anderem auf Kosten der Tiere geschieht. Die völlige Überzüchtung der Tiere – mit dem Ergebnis, dass einfach zu viele Ferkel pro Wurf vorhanden sind – und die strikte Durchsetzung einer ökonomischen Logik sind das Ergebnis dieser Fleischindustrie.

Die Konsequenz muss jetzt sein, dass die Schweinezucht stärker kontrolliert und insbesondere die Zucht von Sauen mit extremer Wurfgröße verboten wird. Jedem geborenen Ferkel muss eine Zitze zu Verfügung stehen. Das muss das mittelfristige Ziel einer halbwegs tiergerechten Schweinzucht sein. Die Tötung „überzähliger“ Ferkel muss dagegen sofort beendet werden. Dass es darüber hinaus noch eine Menge mehr im Bereich der Tierhaltung zu tun gibt, soll hier nur am Rande erwähnt sein. Schweine brauchen deutlich mehr Platz und mehr Wühl- und Beschäftigungsmaterial, als ihnen im Moment zugestanden wird. Schweinehaltung muss sich wieder in einem akzeptablen Verhältnis zwischen Tierschutz und ökonomischen Interessen bewegen. Im Moment – das haben die Fernsehbilder überdeutlich gezeigt – ist die agroindustrielle Schweinehaltung jedenfalls vollkommen aus dem Ruder gelaufen.

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